Albert in America — Auf der Suche nach dem Amerikanischen Traum

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Das Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten und der burgeressenden Waffenbesitzer hat mich so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich mich im letzten Spätsommer aufmachte, um ein ganzes Jahr dort zu verbringen. Amerika, der Himmel auf Erden eines jeden Träumers, wurde eine zweite Heimat für mich. Ich wollte den amerikanischen Traum hautnah erleben; Amerika mit seinen Stärken und Schwächen, seinen Krisen und Feierlichkeiten, seinen Menschen und Monstern betrachten. Es war ein Jahr der Kontraste, eine Odyssee, um den vermeintlichen "American Dream" zu finden, das Beobachten einer zerbrechenden Familie in einem zerrissenen Land.

 

Am 2. September 2025 begab ich mich auf den Weg in ein Kapitel meines Lebens, das ich komplett eigenständig zu schreiben vermochte. Nun war ich endlich da – nicht in New York oder Los Angeles; nein, im kleinen Niles, Michigan. Michigan, ein Bundesstaat im Mittleren Westen der USA, der eher durch Unauffälligkeit auffällt. Der "Great Lakes State" grenzt an vier der fünf Großen Seen zwischen den USA und Kanada. Früher war der Staat Teil des sogenannten "Rust Belt", dem industriellen Zentrum des Landes, insbesondere mit der Automobilindustrie in Detroit. Heute ist wenig von diesem alten Glanz übrig geblieben. Entstanden ist eine politisch gespaltene Region, die sich bei der letzten Präsidentschaftswahl jedoch für Donald Trump aussprach.

 

Meine Gastfamilie bestand (zunächst) aus meinem Gastvater Josh und meiner Gastmutter Jacqueline, genannt Jacky, sowie meinem achtjährigen Gastbruder Joshua Jr., genannt Jj. Jacky ist Puerto Ricanerin. Sie und viele andere hadern mit ihrer US-amerikanischen Identität, besonders in politisch angespannten Zeiten wie diesen. Ihr Sohn jedoch hat nie Spanisch gelernt und wird die Latino-Identität vielleicht nie leben. Amerika ist dann eben doch manchmal mehr ein Schmelztiegel als eine Salatschale.

 

Der Ort sah genauso aus, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Der feuchte Traum des hyperkapitalistischen Freiheits-Fans. Fast-Food-Restaurants, wohin das Auge blickt. Die Anreihungen von McDonald's-, Taco-Bell- und Wendy's-Filialen wurden nur von den unzähligen Cannabis-Shops unterbrochen – die Menschen aus dem Nachbarstaat Indiana kamen fleißig herübergefahren, um sich die in Michigan legale Substanz einzuverleiben. Alles war riesig: die Autos, die Straßenkreuzungen, die Supermärkte. Wenn ich noch zufällig 20 Liter Sonnenblumenöl, zwei Autoreifen, einen 72-Zoll-Fernseher und 126 Sorten Cornflakes brauchte, wusste ich, dass ich das alles bei Walmart finden würde.

 

Nicht so riesig dagegen war meine Schule: Brandywine High School. Weniger als 400 Schüler besuchten meine Schule, die nur über ein Erdgeschoss mit zwei Gängen verfügte. Dennoch bot mir Brandywine alles, was ich von einer amerikanischen Schule verlangte. Die Flure mit den typischen Spinden, die Stars and Stripes hingen in jedem Klassenzimmer, die Schulfarben „Maroon and Gold“ und das Schulmaskottchen, die „Bobcat“, waren überall präsent. 

 

Der Schulalltag war deutlich entspannter als der in Deutschland; das Kursangebot war deutlich breiter gefächert. Man konnte am gleichen Tag Fächer wie Jahrbuch, Theater, Autowerkstatt oder Amerikanische Geschichte belegen, je nach persönlichem Interesse. Dieser individuelle Weg hat mir sehr gefallen und ist vielleicht auch ein Vorbild für unsere deutschen Schulen. Die Amerikaner wirkten zudem gar nicht mal so außerordentlich dumm, solange man ihnen keine Frage zu Geografie oder Politik stellte. Die Schule war aber viel mehr als nur das Akademische. Nichts ist schöner, als am Freitagabend zum Football-Spiel deiner Schule zu gehen und die Cheerleaderinnen "Go Cats" rufen zu hören. Auch ich schlüpfte mal in die Rolle eines Cheerleaders, um die Mädchen beim Flagfootball anzufeuern. Mein halber Kleiderschrank bestand aus Brandywine-Merch. Der Schulstolz musste gezeigt werden. Es ist dieses Gefühl der Gemeinschaft, das die amerikanischen Schulen so besonders macht. Man gehört nicht nur zu einer Bildungseinrichtung, sondern man ist Teil einer Community, einer großen Familie, die immer zusammensteht.

 

Ich war nicht nur ein stolzer Schüler der Schule, sondern auch ein stolzer Amerikaner. Jeden Tag schwor ich morgens in der Schule meine Treue zu den Vereinigten Staaten; auch die Nationalhymne habe ich als Mitglied des Schulchors vorgesungen. So kritisch man die aktuellen Vorgänge in den USA auch betrachten kann, für mich zählt immer noch der Gedanke, dass dieses Land auf der Basis einer Idee aufgebaut wurde, nicht auf der bloßen Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder Religion. Ich liebe das Amerika, das für alle da ist, nicht nur für die wenigen, die in der Gunst eines Regimes stehen. Letztendlich sind doch die europäischen Werte in vielerlei Hinsicht so nah an den amerikanischen. Während es in Amerika “E pluribus unum” (“Aus vielen, eines“) heißt, ist der Leitsatz der Europäischen Union “In varietate concordia” („Einigkeit in Vielfalt“).

 

Ich habe so viele Erfahrungen wie möglich mit meiner Gastfamilie gesammelt. Von gemeinsamen Ausflügen bis zu meinem ersten Thanksgiving; immer wieder habe ich Neues gelernt und gesehen. Kurz nach Neujahr kam dann allerdings der große Schock: Meine Gastmutter verließ uns und startete ein neues Leben ohne ihren Partner und ihr Kind. Von nun an lebte ich in einem reinen Männerhaushalt, der sich erst einmal neu ordnen musste. Doch kein Abenteuer schien zu schwierig, um bewältigt zu werden. Trotzdem verließ mich hin und wieder fast die Hoffnung in diesem langen, kalten, schneereichen Michigan-Winter, in dem auch der ein oder andere oberflächliche und egozentrische amerikanische Teenager mich enttäuschte. Es macht schon etwas mit einem, wenn man sechstausend Kilometer von allem entfernt lebt, das man kennt und liebt. Und so gingen wir in meiner (verbliebenen) Gastfamilie zusammen diesen Weg der Selbstfindung. An meiner Seite hatte ich stets auch wunderbare Freunde, mit denen ich auch jetzt noch in regem Kontakt stehe.

 

Der Frühling kam und mein Jahr näherte sich dem Ende zu. Die letzten Monate waren wahrscheinlich die besten, die ich in Amerika hatte. Ich hatte mich komplett eingelebt und konnte mir kaum vorstellen, irgendwann nicht mehr in diesem Haus zu leben, das im Vorjahr noch fremd für mich war, in diesem Land, in diesem Ort, an dieser Schule, die mich so freundlich aufgenommen hatte. An der Schule war ich auf dem Papier ein “Senior”, also ein Zwölftklässler, was mich in den Genuss von allen möglichen besonderen Erlebnissen brachte. Ich ging auf den Schulball, der mal wieder alle Klischees aus den Filmen zur Genüge erfüllte, ich nahm an der Abschlussfahrt zu einem Wasserpark in Ohio teil, und ich durfte sogar, wie die tatsächlichen Absolventen der High School, bei der Abschlusszeugnis-Übergabe auf die Bühne laufen und eine Urkunde entgegennehmen. Und dann hieß es auch schon bald Abschied nehmen von diesem magischen Ort. Die letzten paar Wochen verbrachte ich mit Freunden und der Familie; ich besuchte noch so viele Orte wie möglich.

 

Es wird mir fehlen, zu meinem heiligen Tempel Walmart zu gehen, durch die endlosen Weiten des Mittleren Westens zu fahren, die hölzernen Kirchen mit ihrer abblätternden weißen Farbe und die rot gestrichenen Farmen zu sehen, die US-Flagge als Symbol der Freiheit an jeder Ecke zu erblicken und mit dieser amerikanischen Familie zu leben. Dieses Erlebnis hat mich gefördert und gefordert wie kaum ein anderes es hätte tun können. Ich bin nun nicht nur mit neuen Erfahrungen, sondern auch mit neuen Perspektiven aus dem “Land of the Free” zurückgekehrt. Amerika wird immer ein Teil von mir bleiben, egal, wohin ich gehe.

 

Albert Wlodarski

 

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